296 Seiten Fachchinesisch

Neunzigtausend chinesische Zeichen zählte das größte Zeichenarchiv auf dem Gebiet der Schriftforschung laut Susanne Zippel kürzlich. Auch wenn die Standardliste lediglich ca. 7000 Zeichen fasst, kann einem Schriftgestalter, der seine ganze Leidenschaft auf 26 Buchstaben plus Akzente richtet, schwindelig werden.

Susanne Zippels Buch »Fachchinesisch Typografie« ist das erste Werk, das sich in deutscher Sprache ausführlich mit der chinesischen Schrift im Zusammenhang mit Schriftsatz und Design befasst. Doch es ist noch umfassender: Sprachliche Grundlagen, Schriftgeschichte, Kalligrafie und Zeichenkodierung werden behandelt, sowie viele weitere Themen, die sich rund um die Zeichen drehen, deren Entstehung vor ca. 3400 Jahren in China begann.

Mit den »90.000 chinesischen Zeichen« sind hier Hànzì gemeint.  Hànzì sind die Zeichen, die im Unicode im Block »CJK Unified Ideographs« ihren Platz haben, da sie teilweise auch im Japanischen und Koreanischen Verwendung finden. Die Zeichen scheinen uns meist fremd und interessant, manchen abschreckend und rätselhaft durch ihre vermeintliche Komplexität.

中日韩字体编排指南 lautet der chinesische Titel von Susanne Zippels Buch. Die sogenannten Hànzì begegnen uns heute öfter als vielleicht vor 20 Jahren. Trotzdem wird nicht nur der Leser, der anstatt der Zeichen hier vielleicht nur Kästchen sieht, erkennen, dass die Kommunikation mit chinesischer Schrift einige Probleme mit sich bringt. Immer mehr Designer müssen sich aufgrund eines Auftrags wohl oder übel mit eben diesen Problemen beschäftigen, und nicht immer kann ein Experte zu Rate gezogen werden. Wo liegt der Unterschied zwischen Simplified und Traditional Chinese? Was ist das korrekte chinesische Satzzeichen? Wie funktioniert vertikaler Schriftsatz? Diese und andere Fragen wird sich der Gestalter in diesem Fall stellen.

Fachchinesisch Kalligrafie

»Fachchinesisch Typografie« sei jedem empfohlen, der sich schon ein mal mit chinesischer Schrift beschäftigen wollte oder musste, denn es entkräftet Vorurteile und macht es jedem möglich, das Prinzip dieses Schriftsystems zu verstehen. Das Buch ist für Anfänger genauso geeignet wie für Menschen, die die Sprache lernen oder sie bereits beherrschen. Susanne Zippel hat genau auf eine korrekte Schreibweise geachtet, im Text sind alle benutzten chinesischen Vokabeln in vereinfachter und traditioneller Schreibweise vorhanden. Mit angegeben ist die in der Volksrepublik gebräuchliche Umschrift Pinyin, immer mit den essentiellen Aussprachehinweisen, die man in so vielen anderen Publikationen über chinesische Schrift schmerzlich vermisst und die es dem Anfänger erst möglich machen, Worte richtig auszusprechen. Für Designer, die nicht tiefer in die Sprache eintauchen möchten, bietet das Buch eine ausführliche Checkliste für zweisprachigen Satz.

Das Buch ist in vier Kapitel aufgeteilt. Trotz der Vielfalt an Themengebieten sind die Seiten übersichtlich gestaltet. An jeder Stelle werden Beispiele gegeben, so dass die teilweise relativ komplexen Probleme leicht verständlich erklärt sind und das Lesen nie langweilig wird. Gleichzeitig werden einige Seiten für Schriftmuster genutzt. Am rechten Seitenrand findet sich jeweils auf einer Seite ein chinesischer Font. Zu sehen sind hier zum allergrößten Teil Schriften der Typefoundries Founder Type und Hanyi. Eine Zusammenfassung der relevanten chinesischen Fonts hat man dadurch nicht, aber man bekommt während des Lesens ein Gefühl für chinesischer Schriftstile.

Fachchinesisch Inhalt

Jeder, der sich schon mal gefragt hat, wie Chinesen eigentlich SMS tippen oder warum man in China nicht schon lange auf eine lateinische Umschrift umgestiegen ist, findet im ersten Kapitel Antworten. Hier werden in erster Linie sprachliche Grundlagen behandelt. Obwohl Susanne Zippel betont, dass diese Seiten keinen Sprachkurs ersetzen, ist es möglich, hier ein grundsätzliches Verständnis des Aufbaus von Sprache und Schrift zu erlangen. Nicht nur geschichtliche Hintergründe und verschiedene Dialekte werden diskutiert, auch Japanisch, Koreanisch und sogar Vietnamesisch, dessen Schriftsystem von chinesischen Zeichen zu lateinischen Buchstaben wechselte, werden hier behandelt. Außerdem wird man in das Geheimnis der Übersetzung von Markennamen eingeweiht: Ist ein BMW ein wertvolles Pferd?

Kapitel 1

Das zweite Kapitel nimmt sich Aufbau und Struktur der Zeichen vor. Aus welchen Teilen kann sich ein chinesisches Zeichen zusammensetzen? Und nach welchen Regeln schreibt man es von Hand? Denn es ist keineswegs egal, in welcher Reihenfolge man die Striche setzt. Wir erfahren, wie wichtig die Art und Weise ist, mit der man den Pinsel führt, wenn man sich in Kalligrafie üben will. Auf den letzten Seiten des Kapitels erklärt uns die Autorin, wie ein chinesisches Wörterbuch benutzt wird – denn wie schlage ich ein Zeichen nach, dessen Aussprache ich nicht kenne?

Kapitel 2

Im dritten Kapitel wird es für Typografen und Schriftgestalter interessant. Es geht um das tatsächliche »Fachchinesisch«, also typografische Fachbegriffe, sowie um Zeichensätze und Kodierungen und um die Klassifikation chinesischer Schriften. Man erfährt, welcher Schriftstil zu welcher Gelegenheit im Allgemeinen benutzt wird und woher er stammt. Alles ist kurz und informativ geschrieben, so dass man sich nicht verloren fühlt, sondern einen hilfreichen Überblick erhält.

Erzählt wird auch von der Schwierigkeit, die auf dem chinesischen Festland gebräuchlichen »Kurzzeichen« (Simplified Chinese) mit den vor allem in Hong Kong und Taiwan benutzten »Langzeichen« (Traditional Chinese) zu vermischen. Zeichensätze werden unter die Lupe genommen und Gewicht und Proportionen am Beispiel chinesischer Schriftfamilien gezeigt.

Kapitel 3

Das umfassendste und für Designer wichtigste Kapitel ist das vierte. Hier sind wir endlich bei der Praxis des chinesischen und mehrsprachigen Schriftsatzes angelangt. Schritt für Schritt arbeitet Susanne Zippel die Fragen ab, die man sich als Gestalter stellen muss, wenn man Dokumente mit CJK-Fonts setzen will. Sie stellt lateinischen und CJK-Satz gegenüber, behandelt Grauwert, Einzüge, Zeichenausgleich, Zeilenabstand. Das Chinesische bietet eigene Satzzeichen und auch der Vertikalsatz hat seine speziellen Regeln. Es ist ein Regelwerk, das an Forssman und de Jongs »Detailtypografie« erinnert.

Jeder, der eine Fachvokabel benötigen sollte, kann im Index nachschlagen, denn er ist gleichzeitig ein kleines Fachwörterbuch.

Kapitel 4

Die Auswahl an Literatur im Bereich chinesischer Typografie ist sowohl in China selbst als auch im Ausland noch sehr begrenzt. Das Buch sollte nicht als Repräsentant chinesischen oder gar asiatischen Designs verstanden werden, sondern als Einstieg und Regelwerk. Gestalter, die sich mit dem Satz von CJK-Schriften beschäftigen wollen oder müssen, hatten bisher keine Möglichkeit, auf eine Richtlinie zurückzugreifen. Susanne Zippel hat diese Lücke geschlossen. In vielen Fällen ist es noch immer besser, den Satz mit chinesischen Schriften jemandem zu überlassen, der auf diesem Gebiet Erfahrung hat. Aber »Fachchinesisch Typografie« hilft, die Sprache und die fremden Typografieregeln zu verstehen und einen leicht verständlichen Einblick in diese Welt zu bekommen.

Es eignet sich als Nachschlagewerk genauso wie zum Durchlesen und Schmökern, denn überall finden sich interessante Geschichten und wichtige Details. Die Gestaltung wirkt trotz der Fülle an Informationen nicht überladen und die Verarbeitung hat die gewohnte Qualität des Hermann Schmidt Verlags. Auf 150 g/m² Papier gedruckt, fadengeheftet und mit zwei Zeichenbändern ausgestattet, ist es ein Buch, mit dem man gerne arbeiten wird.

»Diese Schrift entnervt die Gedanken zu Bildzügen« zitiert Susanne Zippel Johann Gottfried Herder, der vor gut 200 Jahren hart über die chinesischen Zeichen urteilte. Mit »Fachchinesisch Typografie« ermöglicht sie es dem Leser, solche Vorurteile hinter sich zu lassen und das chinesische Schriftsystem kennenzulernen.

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