Darstellung digitaler Schrift (Teil 4 von 5): Praxistest

Lies den dritten Teil der Serie hier

Bis hierhin wurden die Arbeitsweisen der unterschiedlichen Technologien beschrieben. In der Praxis greifen diese Technologien ineinander, ohne dass die Einzelheiten dem Benutzer bewusst sind. Er beurteilt nur, ob das Ergebnis seinen Erwartungen entspricht oder nicht. Dass die Darstellung von Fonts an Bildschirmen allerdings von Applikation zu Applikation unterschiedlich und abhängig von den Einstellungen im System sind, wird oft nicht bedacht. Die wichtigsten Charakteristika und Abhängigkeiten sollen hier kurz aufgeführt werden.

Zunächst einmal gibt es grundsätzliche Unterschiede auf den beiden Plattformen Windows und Mac OS. Als Entwickler auf Mac OS X hat man die Möglichkeit, den Systemrasterizer oder einen eigenen Rasterizer in seine Applikation einzubinden. Mit dem Systemrasterizer nimmt man die Einstellungen an, die das System vorgibt. Dem User stehen allerdings nicht viele Optionen offen. Er kann entscheiden, ob er das Subpixel Rendering nutzen möchte oder nicht. Eine Schwarzweiß-Darstellung erlaubt das System allerdings nur für Punktgrößen kleiner als zwölf Punkt.

Auf Windows stehen dem Entwickler weit mehr Möglichkeiten zur Verfügung. Er kann prinzipiell alle Techniken verwenden, die das System beherrscht oder seinen eigenen Rasterizer einbauen. Er kann dabei alle Systemeinstellungen ignorieren und selbst Kontrolle über die Einstellungen behalten. Arbeitsaufwendig wird es aber, wenn die Software schon etwas älter ist und die neusten Technologien nutzen soll. Dann muss nämlich das ganze Applikationsgerüst neu programmiert werden und an die neue Schnittstelle zwischen Windows und der darauf laufenden Software angepasst werden. Daher unterstützen noch nicht viele Applikationen die neusten Rendering Techniken. Dies erklärt, warum die Bildschirmdarstellung von Fonts in Windows-Applikationen so unterschiedlich ist.

Die einfachste Renderingstrategie ist das Schwarzweiß-Rendering. Sie ist auch die älteste. Wenn das Hinting für die Schwarzweiß-Darstellung betrieben wird, muss in der Regel zu allen Hilfsmitteln aus dem Hinting-Werkzeugkoffer gegriffen werden, um eine gute Darstellung zu gewährleisten. Etwa eine Woche arbeitet ein erfahrener Spezialist an einer Schrift mit ca. 220 Zeichen, um sie für den Gebrauch auf dem Bildschirm in Schwarzweiß-Darstellung vorzubereiten. Je mehr Zeichen eine Schrift enthält, desto länger dauert es. In einer Schriftfamilie wie der Linotype Univers mit ihren 63 Schnitten steckt also etwa ein Jahr Arbeit, um die Bildschirmdarstellung auf ein hohes Niveau zu heben.

Mit der Einführung des Graustufen-Rendering konnte man erwarten, dass sich der Hintingaufwand reduzieren lässt. Allerdings stellt man leicht fest, dass gerade dünnere Schriften bei der Graustufen-Darstellung sehr verschwommen wirken und weniger gut lesbar sind als bei der Schwarzweiß-Darstellung. Fonthersteller implementieren daher einen Code in ihre gut gehinteten Fonts, der dem Rasterizer mitteilt, bei welchen Punktgrößen er auf die Graustufen-Darstellung verzichten und das Schwarzweiß-Rendering benutzen soll. Der Code steuert auch, ab welcher Punktgröße die Graustufen-Darstellung angeschaltet werden soll. Auf diese Weise ist sichergestellt, dass der Benutzer die beste Darstellung für die entsprechende Punktgröße sieht.

Ganz anders sind die Bedingungen, wenn der Font von einem Subpixel Rasterizer gerendert wird. Die Subpixel Rasterizer ignorieren grundsätzlich alle Hints in X-Richtung. Final-Deltas, die einen Großteil der Arbeit ausmachen, werden ebenso ignoriert. Middle-Deltas, Zonen und Stämme werden nur in Y-Richtung interpretiert, da die Auflösung hier nicht höher ist als bei den traditionellen Rastermethoden. Man erkennt Subpixel-Rendering, wenn man den Bildschirm stark vergrößert. Dann erscheint auf der linken Seite der meisten Zeichen ein rötlicher Schimmer, während auf der rechten Seite ein bläulicher Schimmer bemerkbar wird. Das liegt an der Reihenfolge der Subpixel im Pixel, die zumeist rot, grün, blau ist. Während die Graustufendarstellung nur eine geringe Erleichterung für den Arbeitsaufwand ergeben hat, ist bei der Optimierung für Subpixel Rendering weit weniger Aufwand notwendig. Ein bis zwei Tage Arbeit bedeutet das für den Hinting-Spezialisten.

In der neusten Version von Microsofts ClearType Rasterizer wurde zusätzlich zum Subpixelrendering in X-Richtung ein Graustufen-Rendering in Y-Richtung implementiert. Dadurch wird die Darstellung eines Fonts noch einmal verbessert. Aber wie bei jeder neuen Technologie kann man davon ausgehen, dass es noch eine Weile dauern wird, bis sie auch flächendeckend genutzt wird. Noch immer nutzen die meisten Programme Graustufen- und Schwarzweiß-Rendering. Sehr gut beobachten lassen sich die unterschiedlichen Renderingtechniken bei der derzeitigen Diskussion rund um Webfonts. Fast jeder Browser nutzt eine andere Renderingtechnik, um Webfonts darzustellen.

Nächste Woche erscheint der letzte Teil der Serie.

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